Marie-Christine Ostermann: Zehn-Punkte-Plan für die Wirtschaftswende

Bürokratieabbau steht an erster Stelle der Forderungen des Verbands „Die Familienunternehmer“
22.03.2025von Stefanie Hütz

Marie-Christine Ostermann, Präsidentin des Verbands „Die Familienunternehmer“ und geschäftsführende Gesellschafterin des Lebensmittelgroßhandels Rullko Großeinkauf, mahnt umfassende Reformen für den Standort Deutschland an. Zusammen mit weiteren Wirtschaftsverbänden hat sie einen Zehn-Punkte-Plan vorgelegt.

HC: Frau Ostermann, Ihr Verband, in dem über 6.500 Eigentümerunternehmen sämtlicher Größen und Branchen Mitglied sind, führt regelmäßig Umfragen zur Lage des Mittelstands in Deutschland durch. Wie ist demnach die aktuelle Lage?

Marie-Christine Ostermann: Ich würde gerne sagen gut, aber dem ist leider nicht so. Zu Beginn 2025 haben wir eine Jahresausblicksumfrage durchgeführt und speziell die international tätigen Familienunternehmer befragt. Während vor einem Jahr knapp 32 Prozent von ihnen gesagt haben, dass sie nicht vorhaben, in Deutschland zu investieren, waren es in diesem Jahr über 40 Prozent. Zum ersten Mal planen zudem mehr Familienunternehmen, Arbeitsplätze in Deutschland ab- als aufzubauen.

Die eigene Geschäfts- und erwartete Auftragslage ist so schlecht wie seit Jahren nicht, sogar schlechter als in der Coronazeit. Deutschland ist aktuell die einzige Industrienation weltweit, die nicht wächst. Wir hatten schon zwei Rezessionsjahre, vielleicht folgt jetzt das dritte. Man muss also ganz klar sagen: Die wirtschaftliche Lage ist desolat, und es muss etwas passieren.

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Bürokratie ist das größte Hemmnis, warum Unternehmen aktuell nicht in Deutschland investieren.

temp Flexibles und mobiles ArbeitenAnne Grossmann Fotografie

Marie-Christin Ostermann ist seit 2023 Präsidentin des Verbands „Die Familienunternehmer“. Seit 2006 ist die Diplom-Kauf- sowie Bankkauffrau geschäftsführende Gesellschafterin von Rullko Großeinkauf.

HC: Was ist das größte Hemmnis, warum die Unternehmen aktuell nicht investieren?

Marie-Christine Ostermann: Die Bürokratie liegt ganz klar auf Platz eins. Über 90 Prozent der Familienunternehmer nennen diese Belastung an erster Stelle. Auf Platz zwei folgt die Unberechenbarkeit der Finanz- und Wirtschaftspolitik, ganz konkret die Detailregulierung der letzten Jahre: mit sehr viel Mikromanagement, aber auch sehr vielen Subventionen. Es gibt keine verlässlichen Rahmenbedingungen, auf die Investoren sich langfristig verlassen können. Das muss sich wieder ändern.

HC: Wie sehen Ihre Reformvorschläge aus?

Marie-Christine Ostermann: Wir haben zusammen mit mehr als 140 weiteren Wirtschaftsverbänden des Aktionsbündnis Wirtschaftswarntag einen Zehn-Punkte-Plan aufgestellt, damit die Wirtschaft wieder Wachstum schaffen kann. 

HC: Stellen Sie uns den Plan vor?

Marie-Christine Ostermann: Wir brauchen zunächst ein Moratorium in puncto Bürokratie. Beispiel: Mein Unternehmen – 1923 von meinem Urgroßvater gegründet und heute 230 Mitarbeitende und 95 Millionen Euro Jahresumsatz stark – befasst sich aktuell mit der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Dahinter stehen ohne Zweifel wichtige Ziele. Wir tun auch bereits viel in dem Bereich. Aber die Zeit, die wir mit der Dokumentation befasst sind, steht einfach in keiner Relation. Auch das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz umzusetzen, ist für den Mittelstand nicht praktikabel. Wir haben 20.000 Artikel in unserem Unternehmen, die auch weltweit gehandelt werden. Wir sprechen uns deshalb für pragmatischere Lösungen aus, zum Beispiel über Zertifizierungen. Wenn Zulieferer weltweit zertifiziert wären – mit einmaligem Aufwand – wären Umwelt- und Sozialstandards implementiert und man könnte ohne riesige Haftungsrisiken auch als Mittelständler weltweit Handel betreiben.

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Wir wollen produktiv, innovativ, kreativ sein und Wertschöpfung betreiben. Dafür brauchen wir aber Kapazitäten.

HC: Gibt es abseits der Nachhaltigkeitsthemen weitere Beispiele für überbordende Bürokratie?

Marie-Christine Ostermann: Blicken wir auf das Thema „digitale Verwaltung“: Ich kann doch als Mittelständler nicht die Geburtsurkunden der Kinder meiner Mitarbeiter einsammeln müssen, um diese an die Pflegeversicherung zu melden. Das sind Daten, die dem Staat vorliegen, nur eben nicht digital. Und dieser Aufwand – der auch zu viel Ärger im Betrieb führt, weil die Beschäftigten diese Infos gar nicht mit ihrem Arbeitgeber teilen wollen – ist nicht produktiv. Wir aber wollen produktiv, innovativ, kreativ sein und Wertschöpfung betreiben. Dafür brauchen wir unsere Kapazitäten.

HC: Welche weiteren Forderungen hat Ihr Verband?

Marie-Christine Ostermann: Wir fordern Steuersenkungen: Die Unternehmenssteuern müssen wenigstens auf europäischen Durchschnitt gesenkt werden. Und auch unsere Mitarbeitenden brauchen dringend mehr Netto vom Brutto. Drittens müssen die Lohnnebenkosten wieder bei 40 Prozent des Bruttolohns für Arbeitnehmer und Arbeitgeber gedeckelt werden, damit unser Standort für alle Menschen attraktiv ist, die etwas leisten wollen. 

Gleichzeitig benötigen die sozialen Sicherungssysteme Strukturreformen: Wenn jetzt keine Strukturreformen bei der Rente kommen, dann steigen die Sozialabgabenbeiträge bis 2050 schrittweise auf 50 Prozent an. Das wäre fatal. Denn: Eine extrem hohe Abgabenlast verteuert den Faktor Arbeit zu sehr. Dazu kommt, dass bei so hohen Abgaben- und Steuerlasten auch keine Fachkräfte mehr zu uns kommen.

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Wir benötigen dringend viel, viel mehr Reformmut.

HC: Wie könnte eine solche Strukturreform aussehen?

Marie-Christine Ostermann: Eine mögliche Gegenmaßnahme wäre, die Frühverrentung für alle abzuschaffen, die einen Schreibtischberuf haben und fit sind. Oder auch das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung anzupassen. Beides ist unpopulär, aber wir brauchen dringend viel, viel mehr Reformmut.

HC: Was steht noch auf Ihrem Zehn-Punkte-Plan?

Marie-Christine Ostermann: Wir benötigen wettbewerbsfähige Energiepreise. Die USA oder China sind zwei- bis dreimal günstiger als wir. Es kann nicht sein, dass produzierende Unternehmen deswegen lieber im außereuropäischen Ausland ihre neuen Werkstätten aufmachen.

Es ist darüber hinaus wichtig, dass der europäische Emissionshandel ausgeweitet wird, damit die Unternehmen selbst auf effiziente und innovative Weise entscheiden können, wo sie am meisten CO2 einsparen können. Damit gewährleisten wir zugleich den Klimaschutz. 

Eine weitere Reform, die wir dringend brauchen, ist die Flexibilisierung des Arbeitsrechts, zum Beispiel in Form einer Wochen- statt täglichen Höchstarbeitszeit. Diese ist einfach viel zu starr in der heutigen digitalen Welt.

Ebenfalls erforderlich ist eine Infrastruktur- und Dienstleistungsoffensive. Ob (Wasser-)Straße, Schiene, Luftverkehr, digitale Administration – wir müssen europäische Spitze werden.

HC: Was sagen Sie an dieser Stelle zur Schuldenbremse?

Marie-Christine Ostermann: Es ist wichtig, die Schuldenbremse einzuhalten und nicht durch die sehr teuren Zinsen weitere Belastungen auf unseren Wirtschaftsstandort zu legen. Die Schuldenbremse führt zugleich dazu, dass Politiker die richtigen Prioritäten setzen müssen und gezwungen sind, auch unpopuläre Reformen durchzuführen.  

HC: Was beinhalten Ihre letzten Punkte?

Marie-Christine Ostermann: Wir brauchen Freihandel, keinen Protektionismus, auch wenn das jetzt zu Zeiten von Trump und Zöllen schwer ist. Wir müssen als Europa stark sein und uns auf die eigene Wettbewerbsfähigkeit fokussieren. Dennoch müssen wir gerade den USA die Hand ausstrecken und versuchen, Freihandelsabkommen abzuschließen, denn das ist ein kostenloses Konjunkturprogramm für die Unternehmen und die Mitarbeitenden. Es sorgt für dringend nötige Kostensenkungen.

Und wir brauchen natürlich weiter den Euro, den europäischen Binnenmarkt, Weltoffenheit und eine Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte. Denn wir wollen, dass internationale, gut qualifizierte Fachkräfte nach Deutschland kommen und Lust haben, an unserem Standort weiterzuarbeiten.

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Die Basis, die Substanz, die Resilienz sind in Deutschland immer noch vorhanden.

HC: Das Resümee?

Marie-Christine Ostermann:  All diese Forderungen könnte man sehr gut umsetzen, wenn wir uns wieder auf den Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft fokussieren. Freier Wettbewerb ist ein zentral wichtiger Wert. Ohne Subventionen, die den Wettbewerb verzerren und den Standort nur weiter verteuern. Bei Intel sind zum Glück die 10 Milliarden Euro nicht geflossen. Bei Northvolt hingegen sind möglicherweise 600 Millionen Euro deutsches Steuergeld in der Insolvenzmasse mit drin. Es sind nicht die Politiker, die die besseren unternehmerischen Entscheidungen treffen, sondern wir – die Wirtschaft, die Unternehmer. Es ist wichtig, Risiko und Haftung in einer Hand zu haben. Wenn wir uns nach diesem ordnungspolitischen Kompass ausrichten, dann bin ich optimistisch, dass Deutschland schnell die Kurswende schafft. Die Basis, die Substanz, die Resilienz sind immer noch vorhanden.

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